– Bedrohte Lebensräume 3 –

Aufgeregt flog der kleine Vogel in der steil abfallenden Grube des Steinbruchs von Stein zu Stein und warnte sein Weibchen, welches im vermeintlichen sicheren Spalt zwischen zwei Steinplatten auf den Eiern saß. Fuhre um Fuhre von Bauschutt und Erdaushub wurde abgekippt und eine Raupe mit großem Planierschild schob die Grube langsam zu. Hier soll eine moderne Fotovoltaikanlage entstehen. Die Zeit drängt, denn bis zum Jahresende müssen zumindest einige Module an das Netz angeschlossen sein, um an den höchstmöglichen Fördersatz zu kommen.
Jahrhunderte wurde in diesem Bruch bei Burgtonna ein poröser Travertin abgebaut, der sich als Baumaterial für die Lehmhäuser oder für den Tiefbau eignete. Fast jedes Dorf hatte früher seinen Steinbruch, seine Lehm-, Ton- oder Sandgrube. Jeder dieser Erdaufschlüsse war ein einzigartiger Lebensraum für Lurche, Vögel und Insekten. Längst werden die Brüche und Gruben nicht mehr genutzt oder wurden verfüllt und zu Ackerland umgewandelt. Wildbienen, Kröten und Uferschwalben verloren ihre Nahrungs- und Brutstätten und sind verschwunden.
Die Steinschmätzer sind eine artenreiche Gattung, die vor allem in trockenen und halbtrockenen Gebieten Nordafrikas und des Nahen Ostens vorkommt. Alle Steinschmätzer sind auffällige Kleinvögel des offenen oder felsigen Geländes, sie sitzen häufig auf exponierten, bodennahen Warten und zeigen ihren weißen Bürzel mit dem, auf dem Kopf stehenden, schwarzen „T“ im Schwanz. Dieses einmalige Muster, das sichtbar wird, sobald der Vogel auffliegt, ist das klassische Feldkennzeichen unseres Steinschmätzers.
In diesen Tagen sind die Vögel auf dem Zuge öfters auf Äckern und Feldwegen anzutreffen. Sie sind auf dem Durchzug in ihre Brutgebiete: die Bergtundra Skandinaviens, grasige Hochebenen mit Legesteinmauern und Geröll, Berghänge und Küstenklippen. In Deutschland sind die Brutmöglichkeiten für den Steinschmätzer rar geworden. Kaum scheint ein Gelände mit Bergen von Schotter und Abbruch fürs Brüten geeignet, wird es mit riesigen Radladern umgesetzt oder eingebaut (wie beim Bau der Autobahn A71) und aus dem zeitweiligen wilden Brutplatz wird eine fein planierte und aufgeräumte Zufahrt oder ein Gewerbegebiet. Burgtonna ist überall! Nur noch wenige Paare brüten in Deutschland. Deshalb trägt der Steinschmätzer die höchste Schutzkategorie „vom Aussterben bedroht“.
Aber der Steinschmätzer ist anpassungsfähig. Vielleicht findet er ein paar hundert Meter weiter im neuen Steinbruch geeignete Bedingungen vor. Mit etwas Einsicht und Rücksichtnahme der Betreiber, indem sie einfach während der Brutzeit Abraum oder Steinhaufen eine Zeit lang nicht umsetzen, könnte dieser muntere Bewohner unwirtlichen Geländes erhalten bleiben.
Aber auch in einem Solarpark kann sich neues Leben ansiedeln. Der stabile Zaun hält den Fuchs ab, so dass sich Bodenbrüter, wie Feldlerche und Rebhuhn ansiedeln. Bei Ansaat blütenreicher Grasmischungen und abgestimmte Mähzeiten können auch Schmetterlinge, Bienen, Schwebfliegen und Käfer u.v.m. eine neue Heimstatt finden.

Andreas Fleischmann

Kategorie: Blog

Hinterlasse eine Nachricht

You must be logged in to post a comment.