– Bedrohte Lebensräume 4 –

Wie ein weißes Band zogen sich die blühenden Obstplantagen von Tiefthal bis Döllstädt entlang der Fahner Höhe. Alljährlich kamen im Mai die Städter mit dem Fahrrad, dem Zug oder zu Fuß in die Fahner Dörfer um sich an der Blütenpracht zu erfreuen. Die Bauern hatten keine Zäune um die Plantagen, denn die Zweige der hochstämmigen Obstbäume brauchten nicht vor den Hasen oder anderen ungebetenen Nutzern geschützt werden. Stattdessen bauten sie unter der weit ausladenden Krone Kartoffeln, Rüben oder Futter an. Dass sich Boden und Klima unterhalb der Fahner Höhe gut für den Obstbau eignete, fand schon Pfarrer Sickler heraus, der 1791 die ersten Kirschbäume in Kleinfahner pflanzte. Alte Kirsch-, Äpfel- oder Birnbäume erreichten ein Alter von 80 Jahren und mehr und in den Ästen und Baumhöhlen nisten Singvögel, die wesentlich zum Erhalt des biologischen Gleichgewichtes beitragen.
Mit der Ausbreitung des Obstbaus hat sich auch ein Singvogel angesiedelt, den man heute vergeblich bei uns sucht. Der Ortolan (Emberiza hortulana) ist in Deutschland ein seltener Brutvogel geworden. Der Erfurter Getreidemakler und Vogelbeobachter Reinhold Fenk (1881 – 1953) beobachtete eine Ausbreitung des Ortolans seit den 30er Jahren in der Gegend um Erfurt. 1949 berichtete er, dass „ auf der Landstraße im Kirschparadies der Fahnerschen Höhen die Gartenammer einzeln und in Paaren gewissermaßen am laufenden Bande“ anzutreffen ist. In den 50ger Jahren rief der Ortolan von den alten Obstbäumen an der Landstraße zwischen Dachwig und Andisleben, erinnert sich Klaus Schmidt, Großfahner, der zu dieser Zeit die Buslinie nach Erfurt lenkte. Den einförmigen, metallischen Ruf des Ortolans, auch Garten- oder Fettammer genannt, vernahm man noch bis in die 70 er Jahre allenthalben, wenn man im Juli bei brütender Hitze auf den langen Holzleitern Kirschen pflückte. Doch der Ruf ist verstummt.
Die Hauptursachen des dramatischen Rückgangs liegen im Wechsel von einer klein strukturierten Agrarlandschaft zu großflächigen Monokulturen, mit dem Übergang von der traditionellen Doppelnutzung von Acker- und Obstbau auf Intensivplantagen.
Die völlig überzogene und, von den LPG mit Eifer durchgeführte, Beseitigung alter Birn- und Äpfelbäume an Gräben, Landstraßen und Feldwegen in den 80er Jahren zur Eindämmung des Feuerbrandes tat ein Übriges. Zum letzten Mal brütete der Ortolan 1987 bei uns. Seit dieser Zeit gilt er in Thüringen als ausgestorben.

Andreas Fleischmann

Kategorie: Blog

Hinterlasse eine Nachricht

You must be logged in to post a comment.