– Bedrohte Lebensräume 1 –

Von den 244 heimischen Vogelarten, die in Deutschland brüten, stehen 110 auf der Roten Liste. Vor allen Vögel der offenen Feldflur sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Wachtel, Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn trifft man auch bei uns immer seltener an.
Dabei spielen die intensive Nutzung des Agrarraumes und die Verarmung der Feldkulturen eine entscheidende Rolle. Hackfrüchte, wie Kartoffeln und Rüben machen nur noch einen geringen Teil der Ackerfläche aus. Feldfutter, wie Rotklee, Wicken und Kleegras sind ganz aus dem Anbau verschwunden oder auf einen unbedeutenden Rest geschrumpft (Luzerne). Ganz zu schweigen von den Gemüse- und Blumensamen, die noch vor einigen Jahren in unserer Gegend angebaut wurden. Kaum vorstellbar, wie das Insekten- und Vogelleben zu Großvaters Zeiten ausgesehen haben mag, als Flachs, Hanf, Anis, Kümmel und andere Heil- und Gewürzpflanzen eine unvorstellbare Vielfalt unsrer heimischen Flora und Fauna mit sich brachten.
Das Braunkehlchen ist ein Bewohner von Wiesen oder strukturreicher Feldraine. Ab Ende März hörte man seinen Ruf von der Spitze einer trockenen Wilden Karde, die den Winter auf dem Lenchenberg bei Gräfentonna überstanden hatte. Der sanft nach Westen geneigte Hang hatte bereits mehrere Jahre keinen Pflug und keinen Dünger gesehen, da er als Stilllegungsfläche von der Europäischen Union gefördert wurde. Ausschließlich der Natur überlassen entwickelte sich auf dem kargen Standort eine artenreiche Vegetation, die wiederum Schmetterlinge, Schwebfliegen, Käfer und viele andere Insekten anlockte.
Braunkehlchen, Lerche und Rebhuhn fanden reichlich Deckung und Nahrung und brüteten jedes Jahr erfolgreich. Doch dann ein verhängnisvolles Signal aus Brüssel: Auf Stilllegungsflächen können nachwachsende Rohstoffe angebaut werden. Seit vergangenem Jahr herrscht auch hier eine trostlose Agrarwüste. Ein dichtes Rapsfeld wirkt z. B. für Rotmilan oder Rohrweihe aus der Luft wie eine Asphaltstraße, steril und undurchdringlich. Der bunten Vielfalt ist jäh ein Ende gesetzt worden! Auch dem Braunkehlchen wurde der Lebensraum entzogen und, von den meisten unbemerkt, ist unsere Heimat wieder um ein Detail ärmer geworden.

Andreas Fleischmann

Kategorie: Blog

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